By jochen

Fast Forward – Tunesien in fünf Tagen

Tag 1. Gerade habe ich den Land Cruiser für 40 Dinar (etwa 22 Euro) randvoll getankt – angesichts der Dieselpreise in Deutschland und der österreichischen und italienischen Mautgebühren, die ich gestern hinblättern musste, eine Wohltat. Doch viel Zeit zum Freuen bleibt nicht. Wir sind zwar gestern erst in Tunis eingetroffen, heute gegen Sonnenuntergang sollen wir allerdings schon im etwa 400 km entfernten Touzeur sein. Unser Guide, Kahled, prescht mit seinem HZJ 80 voran, dann kommen Herr Azizi vom Fremdenverkehrsamt und ich im J 120 und den Abschluss unserer Mini-Karawane bilden Hans und Andrea im Sprinter-Wohnmobil. Die beiden wollen prüfen, inwieweit barrierefreies Reisen für Rollstuhlfahrer und Menschen mit anderen Behinderungen in Tunesien möglich ist.

Kathedrale von Karthago

Draußen vor den Toren Tunis’ bleibt nur wenig Zeit, die Überreste des Hadrian-Aquädukts zu bewundern, das einst das antike Karthago mit Wasser versorgte. Mit etwa 120 Kilometern Länge kann es getrost als eine der größten römischen Hinterlassenschaften weltweit gelten. Angesichts des Jahrtausende alten Mauerwerks ist unser Fotostopp unwürdig kurz. Doch nach einer Stunde treffen wir wieder auf die Wasserleitung. Der Neptuntempel in Zaghouan bildete den Ausgangspunkt des Aquädukts, vom ihm steht außer ein paar Bögen allerdings kaum noch etwas. Und ehe wir uns versehen, sind wir schon wieder auf der Straße. Khaled ist längst am Horizont verschwunden und Herr Azizi treibt mich mit einem Blick auf die Uhr weiter an. An den Straßen liegt es nicht, sie sind gut ausgebaut, doch heute ist der erste Feiertag zum Ende des Ramadans und halb Tunesien scheint unterwegs zu sein, um die Familie zu besuchen. Da soll noch einer sagen, Sonntagsfahrer gäbe es nur in Deutschland. Je mehr wir uns jedoch von Tunis entfernen, desto ruhiger wird es.

Khairouan

Bis Kairouan verbessert sich unser Schnitt deutlich, hier müssen wir aber auf jeden Fall Halt machen. Die um 670 von den Arabern gegründete Stadt ist nach Mekka, Medina und Jerusalem das vierte islamische Heiligtum und gilt als Zentrum des Islam in Afrika. Die Zeit reicht nur für eine der angeblich 300 Moscheen, also nehmen wir die größte, die Djama Sidi Okba. Von außen wirkt der massige Bau wie eine Festung, der von zahllosen Säulen umschlossene Innenhof, den wir Nicht-Muslime betreten dürfen, fasst 200000 Pilger. Wie viele Sakralbauten zeigt auch diese Moschee, zu welchen Leistungen der Glaube anspornt. Die scheinbar seit Jahrhunderten unberührten Straßen um die Moschee lassen ahnen, wie es im Zentrum der Stadt aussieht, doch wir müssen weiter.

Hinter Kairouan wird die bisher überraschend üppige Vegetation neben den Straßen weniger und weniger. Mit Vollgas rauschen wir gen Süden. Fast vergessen wir, dass Hans im Sprinter mächtig zu kämpfen hat, um an uns dranzubleiben. Der Land Cruiser erfüllt seine Aufgabe derweil völlig problemlos. Rechts von uns erhebt sich das Atlasgebirge und wir passieren einen gewaltigen Güterzug, der, beladen mit Phospat, in Richtung Küste strebt. Die Berge sind ein einziges Phosphatvorkommen und machen Tunesien zum viertgrößten Produzenten weltweit.

Die Sonne sinkt weiter, die Landschaft färbt sich golden und kurz bevor die rote Kugel hinter dem Horizont verschwindet, erreichen wir den Chott El Jerid. Da es in den letzten Tagen ungewöhnlich stark geregnet hat, ist der halbe Salzsee mit einer dünnen Wasserschicht bedeckt. Das Farbenspektakel, das sich beim Sonnenuntergang bietet, ist unbeschreiblich. Als wir zehn Minuten später im Hotel ankommen, ist der Himmel schon stockfinster. Tozeur dagegen leuchtet. Die Oasenstadt hat sich sichtlich auf Touristen eingerichtet, Hotels betreiben bis in die Nacht Ausstellungen und Vergnügungsparks. Wir schauen uns noch ein bisschen um und beschließen den Abend mit einem köstlichen Thé a la menthe – dem zuckersüßen heißen Minztee.

Binary..oops..Singulary Sunset

Tag 2. Der Blick aus dem Fenster verheißt einiges: direkt hinter dem Hotel beginnt die Wüste, unser Ziel für heute. Die Dünen um Nephta haben nämlich popkulturgeschichtliche Signifikanz. Aufgrund der scheinbar unendlichen Weiten wählte George Lucas Tunesien als Drehort für Teile der Star Wars-Saga. Nicht umsonst klingt der Plaent Tatooine so ähnlich wie der tuneseische Ort Tataouine. Und die Sets stehen heute noch mitten in der Wüste herum. Die eilig zusammengeschusterten Hütten im Berber-Stil sehen allerdings nur im Kino echt aus. Bei näherem Hinsehen verfliegt das Flair von „Mos Espa“ schnell.

Left behind

Traumhafter sind die umliegenden Dünen, auf denen man sich als Offroader nach Belieben austoben kann. Es dauert nicht lange, dann nähert sich eine ganze Karawane von Touristen. Wir packen alles zusammen und fahren weiter in die Wüste hinein, vorbei am Onk Jemal, dem Kamelkopf-Felsen aus „Der englische Patient“ und am winzigen internationalen Flughafen von Tozeur. Als „Maskottchen“ für den Flughafen dienen zwei völlig deplaziert wirkende Jumbo-Jets. Der Legende nach sollen die Riesen im Golfkrieg von 1991 von den Irakern außer Landes in die vermeintliche Sicherheit geschafft worden sein – wieder abgeholt hat sie allerdings niemand.

Moisture Evaporators

Auf dem Rückweg statten wir dem Oasen-Kern von Tozeur einen kurzen Besuch ab. Über eine Million Dattelpalmen stehen hier, so dass das Wasser mittlerweile aufwenig mit Pumpen aus dem Wüstenboden geholt werden muss. Nach einem typischen Mittagessen mit Couscous und Lamm geht es auf den Weg nach Douz. Bevor wir den Chott erneut überqueren, zweigen wir zu einem einsamen Canyon ab. Nur mit der Untersetzung bewältigen wir den schmalen und steilen Trampelpfad, der uns als Zufahrt dient. Die Anstrengung lohnt sich, an der Canyon-Kante steht ein Marabout, die Grabkapelle einer lokalen Heiligkeit. Der Blick in den Canyon hinein kommt mir seltsam bekannt vor. Da dämmert es: die Felsspalte war Kulisse für Star Wars und außerdem für Indiana Jones. So hat hier jeder seine Pilgerstätte.

Mos Eisley Spaceport

Auf dem Chott erleben wir wieder einen Sonnenuntergang. Im allmählich verlöschenden Sonnenlicht kann man ganz weit draußen im Salzmeer noch einen ausgebeinten Reisebus erkennen – wie der wohl dorthin gekommen ist? Wieder ist es dunkel, als wir in der Stadt ankommen. Schnell noch einmal auftanken, die Scheinwerfer halbwegs vom Wüstensand reinigen und ab in Hotel – der Tee wartet.

Tag 3. Douz erwartet uns. Leider sind wir für den berühmten Kamelmarkt einen ganzen Tag zu früh, aber viele Händler haben ihre bunten Stände schon aufgebaut. Wie in 1001 Nacht bekommen wir Gewürze, Türkischen Honig und Wasserpfeifen angeboten. Auf den Straßen am Marktplatz stauen sich derweil die Defender. Ein holländischer Land Rover-Club ist im Begriff, in die Sahara zu starten. Vorher lassen sich alle Teilnehmer einen Tagelmust, den Tuareg-Turban binden. Douz gilt als das Tor zur Sahara, nicht umsonst findet hier jedes Jahr im Dezember das internationale Saharafestival statt, eine viertägige Feier mit Kamelrennen, Bauchtanz und Folkloregruppen.

Direkt neben dem extra erbauten Stadion kann man Gelände-Karts mieten und auf Wunsch mit einem Führer in die Wüste aufbrechen. Auch Ultraleichtflüge sind buchbar, wir begnügen uns mit einer bescheidenen Runde Kartfahren.

Die Filmkulissen werden nicht weniger: an einem halbverwehten Fort der Fremdenlegion machen wir eine Teepause und auch hier soll ein Film gedreht worden sein. Heute befindet sich in dem alten Gemäuer ein Hotel mit angeschlossenem Campingplatz.

Navigation

Hier trennen sich erstmal unsere Wege: Hans und Andrea fahren mit Herrn Azizi auf direktem Wege nach Matmata, während Kahled und ich dem alten Karawanenpfad folgen. Khaleds HZJ ist zwar schon zehn Jahre alt, hat eine halbe Million Kilometer auf dem Buckel, aber dennoch habe ich mächtig zu tun, um an ihm dranzubleiben. Mal haben die Autos alle Räder in der Luft,  ein ander Mal kann man vor Staub kein fünf Meter weit gucken. In der Nähe eines Ölbohrcamps treffen wir wieder auf die Hauptstraße.

Berberdorf

Schon wieder geht die Sonne unter und mit den letzten Strahlen erreichen wir Matmata. Die Berberstadt ist berühmt für ihre Höhlenwohnungen. Zum Schutz vor Sonne und Hitze haben die Bewohner ihre Behausungen im weichen Sandboden angelegt. Das Hotel Barbar ahmt diesen Baustil nach, jedes Zimmer hat eine kleine fensterlose Schlafhöhle. Nichts für Klaustrophibiker, aber urgemütlich und völlig ruhig. Lediglich die zischelnde Toilette im Badezimmer lässt mich skeptisch gucken. Zu Recht, wie sich schon am nächsten Morgen herausstellt. Während ich nämlich in meiner gemütlichen Berberhöhle schlafe, bahnt sich das Wasser langsam seinen Weg aus dem Spülkasten, über den Badezimmerboden, durchs Vorzimmer und dann quer über den Außengang  in den Hotel-Innenhof. Zum Glück ist die tiefer liegende Schlafhöhle durch eine Schwelle vom Vorzimmer getrennt, sonst wäre ich vielleicht im Wasser aufgewacht.

Tag 4. Und weiter geht es mit dem fröhlichen Kulissensuchen. Auch in Matmata, im Hotel Sidi Driss wurden wichtige Szenen von Star Wars gedreht. Im Film wuerden diese allerdings gekonnt mit Außenaufnahmen des Chotts verknüpft.

Luke! Luuke!

That will lead them -- home!

Khaled und mich treibt es wieder in die Wüste, in Gabès an der Küste wollen wir uns gegen Mittag wieder treffen. Wir wissen, dass es von nun an nur noch auf gut ausgebauten Straßen weitergeht, also lassen wir es noch mal richtig krachen. Von Gabès geht es dann am Nachmittag weiter nach Sfax. In der Großstadt verfliegt angesichts von Verkehrsstau und Parkplatznot auch das letzte bisschen Wüstenromantik. Passend dazu machen sämtlich Stände im Souk pünktlich bei unserer Ankunft dicht.

Souk von Sousse

Tag 5. In Sfax trennen sich endgültig unsere Wege. Hans und Andrea setzen mit Herrn Azizi auf die Insel Kerkennah über, ich werde mit der Rücktour nach Tunis quasi alleingelassen. Um 14:00 soll das Schiff auslaufen. Und fast versiebe ich es auch: beim Tanken streikt die Kreditkarte, Bargeld ist natürlich keins mehr da und in Tunis kann ich das Terminal nicht finden. Um kurz nach 14:00 Uhr fahre ich auf die Fähre. Leider ist es nicht die, auf die ich will, sondern eine kleine Hafenfähre, die mich von meiner Seite des Hafens auf die Seite bringen soll, auf das Schiff gen Italien ablegen soll. Ich bin mittlerweile kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist der “nette” junge Mann, der mir hilft, an der Einfahrt zum Pier die Ausreiseformalitäten zu erledigen. Das Geld, dass ich ihm anbiete, ist ihm nicht genug. Bei meinem Hinweis, dass es sich eh schon um den Rest meiner strapazierten Barschaft handelt, wird er zudem noch patzig und ich muss ihn leider hochkant aus dem Auto werfen. Die gesammelte Anspannung und Panik fällt erst von mir ab, als das Schiff beim schönsten Sonneuntergang ablegt.

Rückzug an Bord der Carthage

Schade, ich wäre gern länger geblieben.