31
Mar
18

Von Fähren und Bären

Rock'n'Range RoversUnser einheimischer Guide Paul trifft es auf den Punkt. „It’s prescout!“ Wir stehen schon wieder vor einem „Durchfahrt verboten“-Schild. Mich wundert nichts mehr, mein Gepäck steht schließlich auch noch in Frankfurt.

Prescout, da heißt, bevor ausgewählte Abenteurer und später zahlende Kundschaft durch die Wildnis British Columbias reisen dürfen, müssen erst Strecke, Übernachtungen und alle anderen unwägbarkeiten erkundet werden. Wir stehen jetzt in der Mitte der Tour, haben auf der South Thompson Ranch in Kamloops die Teams gewechselt und wollten heute eigentlich durch ein Indianerreservat in Richtung Clinton fahren. Aber eben dieses Reservat verbietet unter Androhung bösester Konsequenzen jegliche Durchfahrt und so müssen wir auf den ungeliebten Freeway ausweichen. Doch schon nach kurzer Strecke findet unser Tour-Chef und Berufsabenteurer Dag Rogge eine schön unwegsame Forest Service Road. Weiter geht es über die Service-Schneise einer Gas-Pipeline, bevor wir etwa gegenMittag zur ersten Aufgabe gelangen- Später sollen hier die Teilnehmer einen Geländeparcours mit einer bestimmten Durchshcnittsgeschwindigkeit fahren. Wir testen und finden heraus, dass die Vorgaben etwas weltfremd geraten sind. „It’s prescout!“
Gut, die Änderungen sind verzeichnet, aber wir müssen uns sputen: Gegen 18:45 Uhr macht die Fähre am Fraser River Feierabend und der Fährmann soll nicht eben freundlich sein.

Schnell in Clinton die Tanks aufgefüllt und weiter. Die Benzinpreise liegen etwa auf der Hälfte der deutschen Preise, was für die Kanadier schon unerhört teuer ist. Egal, denn Dieselfahrzeuge von Land Rover gibt es in Kanada nicht. So besteht unser Konvoi aus mehr oder weniger großvolumigen Benzinern. Dag und Claudia fahren einen mit Navigations- und Computertechnik vollgestopften Freelander V6, der rest der Organisationsmannschaft verteilt sich auf „Disco Küche“ und „Disco Foto“ mit 4,6-Liter-V8-Motoren aus dem alten Range. Wir Teilnehmer sind kommoderweise in zwei Range Rover 4.4 V8 untergebracht. Bei den späteren Reisen wird der Hauptanteil der Truppe aus Freelandern bestehen.

Es wird 18:30 Uhr und die Fähre ist noch nicht in Sicht. Die Schotterstraße hinunter in den beeindruckenden Fraser Canyon ist eng und mit unübersichtlichen Kurven gespickt, am äußeren rand geht es direkt in die Tiefe. Im Foto-Disco lehnt sich Thomas Grimm dennoch halsbrecherisch aus dem Fenster, um die besten Bilder zu schießen.

Abstieg zum Fraser River19:00 Uhr. Wir sind am Fluss, die Fähre ist gerade auf dem Rückweg zu unserem Ufer. Der Fährmann versteckt sein Gesicht hinter Sonnenbrille und Nikolausbart und scheint kleine Kinder zum Frühstück zu fressen. Mit einem mulmigen Gefühl fragen wir den „Grumpy Old Ferryman“, ob er uns nicht vielleicht doch noch übersetzen könne. Am Ende der Überfahrt wissen wir, dass er und sein Bruder sich zweiwöchentlich ablösen, in der Freizeit nach Vancouver fahren und dies schon ihre zweite Fähre sei. „Das hab ich noch nie erlebt“, wundert sich Paul, als wir später direkt am Flussufer die Zelte aufbauen, „so gesprächig war der in den letzten zwölf Jahren nicht!“

Küchenvirtuose und Camel-Trophy-Veteran Stefan zaubert ein vorzügliches Abendessen auf dem Gasgrill und nach einem letzten Glas Wein a, Lagerfeuer krabbeln wir übermüdet in die Zelte. Am nächsten tag stehen Höhenmeter auf dem Programm. Direkt aus dem Fraser Canyon schrauben wir uns auf den Forststraßen bis in 2000 Meter Höhe zum Gipfel des China Head Mountain. Wir fahren ständig in der Untersetzung, an einigen Stellen geht es nicht ohne Einweiser und dennoch fahren sich ein Disco und der Freelander fest.

Hier oben liegt auch im Juni noch Schnee und an Winterreifen hat keiner gedacht. Also Spaten und Winde klarmachen, Bergegurte werden ausgerollt und nach einer halben Stunde ist alles wieder fahrbereit. Im nächsten Tal gibt es eine kleine Pause, bevor wir uns mit dem Poison Mountain an einen weiteren Zweitausender wagen. Dag schaltet jetzt das Funkgerät auf die Holzfäller-Frequenz, denn ohen Absprache kann es leicht passieren, dass hinter einer Kurver plötzlich ein 80 (!) Tonnen schwerer Holz-Truck auftaucht. Ohne derartige Zwischenfälle erreichen wir die Tyax Lodge. Mein Gepäck hat es in der Zwischenzeit noch nicht hierher geschafft. „It’s prescout!“ ist alles, was mir dazu einfällt. Die Lodge ist der erfüllte Lebenstraum von Gus Abel. Der Hamburger hängte irgendwann seine Kapitänsmütze an den Nagel und baute mithilfe von einigen Investoren die größte freistehende Holzlodge Kanadas. Hier wartet die nächste Special Task auf die Teilnehmer: Aus vorgesägten Baumstämmen muss ein Floß gebaut und damit der See überquert werden. Zurück geht es mit dem Kanu, dann folgt noch eine Strecke mit dem Fahrrad. Die Sportfreaks müssen das natürlich gleich ausprobieren. Fotograf Thomas, Kollege René und ich dagegen eintern eins von Gus‘ Mietbooten und tuckern hinterher. Mitten auf dem See geht uns der Sprit aus, Thomas darf rudern. Dass in den Booten grundsätzlich ein Reservekanister liegt, merken wir nicht.

Nach dem Essen entspannen wir und im 40 Grad heißen Jacuzzi unseres Chalets. Da die Lodge ständig ausgebucht ist, konnte Gus diese kleinen Häuschen rund um das Haupthaus errichten lassen. Nur sollte man nachts nicht unbedingt zwischen den Cahlets hin und her laufen., wie den anderen teilnhemern ein Schwarzbär in Gus‘ Garten zeigt. Völlig unbeeindruckt von den glotzenden Leuten im Wohnzimmer turnt er auf dem Gartengrill herum.
Bear On The RunDer nächste Tag ist dem Gold verschrieben. Von Tyax aus geht es über Gold Bridge nach Bralorne. Indem beschaulichen Städtchen wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tonnenweise Gold gefördert. Als dann Ende der 50er-Jahre die Funde ausblieben, übernahmen Hippies die ehemalige Arbeitersiedlung am Hang. Doch schon 1970 verließen auch sie die Häuser, von denen heutzutage fast nur noch trümmer zu finden sind. Die kleinen glänzenden Nuggets, die Claudia am Fluss findet, entpuppen sich leider als Katzengold. Weiter unten im Tal wird allerdings seit kurzem wieder nach Gold geschürft.
Einige Meilen weiter sitzt dann tatsächlich ein leibhaftiger Bär auf der Piste. Wir fahren langsam heran. Der Bär dreht sich kurz um, wendet sich wieder ab. Dann scheint der Groschen zu fallen, er dreht sich erneut um und ergreift im Schweinsgalopp die Flucht. Weg ist er.
Weiter geht es vor einem atemberaubenden Bergpanorama, oben liegt auch wieder Schnee. Gebannt von der Landschaft rauschen wir fast in eine Straßensperre: Hier wird mit einer Seilbahn Holz gerückt. Ein Arbeiter mit einer meterlangen Kettensäge winkt uns durch, wir können die Fahrt ins Tal fortsetzen. Unser Etappenziel heißt Pemberton, doch die Gegend sieht aus, als wäre man im Zillertal gelandet. Saftig grüne Wiesen und hohe Berge mit schneebedeckten Gipfeln liegen beiderseits der Straße. Pause zum Tanken und Eis essen. Von Pemberton ist es nur noch ein Katzensprung bis zum idyllischen Campingplatz am Harrison Lake.
Auch diese Einrichtung ist fest in europäischer Hand: Jakob kommt aus Holland und ist irgendwann hier hängengeblieben. Kein Wunder, bei diesem berauschenden Seeblick. Für das letzte Essen in der Wildnis gibt Stefan seinem Grill noch einmal richtig die Sporen. Fisch und Fleisch munden vorzüglich, am Lagerfeuer gibt es noch Marshmallows und ein bisschen traurig ist jeder, dass es morgen schon nach Vancouver zurückgeht. Aber Dag muntert uns auf: Es soll auf dem Weg noch eine ahmmerharte Offroad-Prüfung geben. In der Nacht haben wir erstmals schlechtes Wetter, doch als ich morgens nach dem Reißverschluss des Zeltes greife, hört der regen schlagartig auf. Gutes Timing.
HolztruckDie Zelte werden notdürftig getrocknet, wir müssen früh los. Für das Holzfällercamp bleibt kaum Zeit, auch wenn wir uns zu gerne das Heli-Logging ansehen würden. Mit einem ausgewachsenen Chinook-Helikopter werden die geschlagenen Stämme ins Tal an den See befördert. Dort werden sie zu riesigen Flößen zusammengebunden und mit Schleppern den Fraser River hinab ins Sägewerk nach Vancouver bugsiert.
Die Wegstrecke am See entlang wird derweil immer schlechter, Dag hat Mühe, den vergleichsweise kurzbeinigen Freelander über Auswaschungen zu zirkeln. Und dann, „in the middle of nowhere“, wo man eigentlich schon mit den meisten SUVs Probleme bekommt, steht ein Camper mit seinem Suzuki Swift und angelt. Hut ab.
Zwischenstopp an einer Bucht. Wir sind nicht die einzigen hier. Um uns herum stehen überall Geländewagen mit Zelten oder Campingaufbauten. Und alle wundern sich über die „crazy Germans“ mit ihren „fancy cars“. Doch wir bekommen Verstärkung: Mit einer Gruppe seiner Kundenkommt der Land-Rover-Händler aus Richmond zu Besuch. Er bietet solche Offroad-Touren regelmäßig an, für viel ist es die erste Fahrt ins Gelände. Nach einem gemeinsamen Snack und Erfahrungsaustausch geht es in entgegengesetzte Richtungen weiter.

Die Brücken am FlussJetzt wird es haarig. Der Küchen-Disco fährt voraus, dann kommt Dag. Und bleibt gleich an der ersten Steigung hängen Der Boden besteht aus feinem Sand und großen lockeren Steinen. Die Traktionskontrolle des Freelander ist hier machtlos, wir müssen schieben. Im dritten Anlauf klappt es endlich.
Wir preschen im Range Rover hinterher. „Gaaas!!!“ Steine fliegen, die Fuhre schleudert hin und her. Jetzt bloß nicht stehen bleiben! Wir erreichen eine sichere Stelle und dürfen aussteigen – Dag hängt schon wieder.
Der Freelander kippelt auf zwei Rädern über einem Graben, die Traktionskontrolle ist völlig überfordert und das Automatikgetriebe wird langsam heiß. Eigentlich ein Wunder, dass wir so weit gekommen sind. Zugetraut hätten wir dem Freelander das nicht. Mit vereinten Kräften wird der „Kleine“ über den Engpass gewuchtet. Der Range schlägt sich deutlich souveräner, muss mit seiner Größe aber ziemlich gezirkelt werden. Mit-Organisator Hans-Hermann weist ein, Paul schiebt die Felsbrocken aus dem Weg. Vorwärts, rückwärts, wieder vorwärts und irgendwann ist die Stelle passiert. Allgemeines Schulterklopfen.
Da kommt der Funkspruch von vorausfahrenden Stefan: Es wird noch schlimmer. Der Disco hat die Strecke gerade so bewältigt, die beiden Range könnten es auch noch packen, aber das Risiko, beim Freelander kapitalen Schaden anzurichten, ist einfach zu hoch. Einige Felsbrocken haben bereits ihre Eindrücke im Schweller hinterlassen. Nicht auszudenken, würde man dort Reisegäste hinauftreiben. Also kehren wir um. „Ja, ja, it’s prescout!“
Unten am See fragt uns einer der Camper, ob der Weg passierbar sei. Mit Blick auf seinen betagten Chevy Blazer mit Aufsatzkabine winken wir ab: „Too dangerous!“ „Well, I’ll give it a try.“ Diese Antwort wundert uns nicht, Er hat ein überdimensionales Messer am Gürtel hängen, seine Kumpane fuchteln im Hintergrund mit einer Schrotflinte herum.
Für uns ist das Abenteuer dagegen schon fast vorbei. Nach ein paar Meilen sind wir raus aus dem Wald und wieder zurück in der so genannten Zivilisation.
Vancouveror dem Hotel in Vancouver sorgen wir noch einmal für Aufsehen, als wir mit den fünf völlig verdreckten Autos und staubigen Klamotten zwischen aufgeputzten Teenies und glänzenden Limousinen auftauchen. Es ist Prom Night, Schulabschlussball.
Die nächste Überraschung wartet im Hotelzimmer: Da steht mein Koffer mit all den Sachen, ohne die ich in den letzten Tagen doch ganz gut ausgekommen bin.


0 Responses to “Von Fähren und Bären”


  1. No Comments

Leave a Reply